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Wie gute Kommunikation die Vision des Orange Blossom Special Festivals trägt

17.07.2026 kultur-klima

Kategorie: Erfahrungsbericht

Schlagworte: Festival · Kommunikation

Ein Leitbild für ein Festival? Ja, bitte! Wie gute Kommunikation die Vision des Orange Blossom Special Festivals trägt

Von Elisa Cominato

Wie schafft es ein kleines Musikfestival, Nachhaltigkeit nicht als lästige Pflicht zu vermitteln, sondern als gelebte Haltung? Das Orange Blossom Special (OBS) im ostwestfälischen Beverungen macht seit 2022 vor, wie ein Leitbild als strategischer Kompass wirkt: für Entscheidungen, Kommunikation und eine stetige Weiterentwicklung. Elisa Cominato, Transformationsmanagerin für nachhaltige Kultur, beschreibt, was andere Kultureinrichtungen von dem Festival lernen können.

Von der Vision zum Leitbild

Seit 1997 kommen jährlich an Pfingsten Indie-, Rock-, Punk-, Folk- und Americana-Fans ins ostwestfälische Beverungen. Was mit einer Gartenparty für Mailorder-Kunden in der Firmenvilla des Labels Glitterhouse Records begann, ist heute aus der deutschen Festivallandschaft nicht mehr wegzudenken. Rund 30 Bands und Künstler:innen treten an den drei Tagen auf zwei Bühnen sowie als Walking-Acts auf – und zwar nach wie vor im Garten der alten Villa. Hinzu kommt ein stetig wachsendes Rahmenprogramm, wodurch neben klassischen Musikfans immer mehr Familien zum Publikum zählen. Dass die Besucher:innenzahl wegen der Lage zwischen Wohn- und Gewerbegebiet auf rund 4.000 Personen begrenzt ist, trägt zusätzlich zur intimen Atmosphäre des OBS bei.

Was vor wenigen Jahren noch müde belächelt wurde, ist heute auch für kleine Kulturinstitutionen ein wichtiger Bestandteil der Organisationsstruktur: das Leitbild. Das Orange Blossom Special Festival hat seit 2022 ein Leitbild – und seitdem einen maßgeblichen Richtungsweiser für unternehmerische Entscheidungen.

Zuvor war es beim OBS wie bei vielen anderen kleinen Festivals: Es wurde zwar möglichst ressourcenschonend gehandelt und Vieles wiederverwendet, aber eher aus Kosten-  denn aus Nachhaltigkeitsgründen. Was wann wo eingekauft wurde, war gerade in der Aufbauphase kurz vor dem Festival eher zweitrangig, Hauptsache die benötigten Dinge waren schnell vor Ort.

Eine Gruppe von Menschen sitzt bei einem moderierten Gespräch im Freien auf Bänken und im Gras.

Heute ist das anders. Aus dem Team heraus wurde 2022 das „Kollektiv Nachhaltigkeit“ gegründet und Rembert StieweLeiter des Orange Blossom Special Festivals, war von Anfang an Teil der vierköpfigen AG – ein wichtiger Faktor für die Umsetzung von Maßnahmen. Dank verschiedener Fortbildungen der AG-Mitglieder konnte das Thema Nachhaltigkeit beim OBS sehr leicht schematisch betrachtet werden.

Alles eine Frage der Haltung

Das Orange Blossom Special Festival hat in seiner knapp 30-jährigen Geschichte stets Haltung gezeigt und die eigenen Werte und soziales Engagement schon seit mehreren Jahren umfangreich auf der Webseite dargestellt. Daran konnte das „Kollektiv Nachhaltigkeit“ anknüpfen und ein Leitbild verfassen. Hierfür wurde zunächst der Begriff Nachhaltigkeit mit seinen drei Dimensionen Ökologie, Soziales und Wirtschaftlichkeit in eigenen Worten definiert und darauf aufbauend eine Mission formuliert. Darin heißt es: „Unser Team erhält unsere Guidelines als Handlungsrichtlinie und auch sämtliche Gewerke, die an der Realisierung des Orange Blossom Special Festivals beteiligt sind, erhalten diese Informationen.“ [1]. Bereits hier zeigt sich das Ziel der transparenten Kommunikation mit allen Stakeholdern.

Personen mit Mikrofonen vor einer Tafel mit der Aufschrift „Klima Bingo“, daneben Strohballen und Publikum.

Kontinuität als Schlüssel zur Wirksamkeit

Nachdem der Status Quo erfasst und in einem offenen Prozess alle denkbaren Ideen gesammelt wurden, erfolgte die Bewertung und Gewichtung, inklusive Begründung:

  • Was wird schon gemacht?
  • Was ist kurzfristig und was langfristig umsetzbar?
  • Was ist aktuell nicht möglich?
  • Was ist (voraussichtlich) gar nicht möglich? 

Mit dieser sehr umfangreichen Liste begann die eigentliche Arbeit der AG: Schritt für Schritt werden gemäß Priorität und Realisierbarkeit immer mehr Ideen umgesetzt. „Der Schlüssel zur erfolgreichen Umsetzung von Nachhaltigkeits-maßnahmen liegt darin, sich große Ziele zu setzen, diese aber in Etappen anzugehen. So stellen sich erste Erfolge schnell ein, die eigene Crew und das Publikum nehmen Fortschritte wahr, was sich stark auf die Motivation auswirkt, am Ball zu bleiben“, erläutert Rembert Stiewe.

Dank seiner hohen Identifikation mit dem Thema und der Bereitstellung von Ressourcen kann die AG nicht nur am Festivalwochenende, sondern das ganze Jahr über an den Nachhaltigkeitszielen arbeiten. Und auch wenn die Intensität der AG-Arbeit im Jahresverlauf schwankt, bleibt das Thema durchgehend im Fokus der Produktionsleitung: Die meisten Unterneh-mensentscheidungen werden seither am Leitbild und den definierten Zielen gemessen.

Daten erfassen und Jahr für Jahr besser werden

So wird beispielsweise seit 2023 jährlich eine CO₂-Bilanz erstellt. Nur mit der Abfrage diverser Daten können Schwachstellen aufgedeckt und mögliche Hebel identifiziert werden. Wie bei fast allen Kulturangeboten bildet auch beim OBS die Publikumsmobilität den weitaus größten Anteil an CO₂-Emissionen. Daher liegt ein Schwerpunkt der AG-Arbeit darin, Anreize für die klimafreundliche Anreise zu schaffen. War dies 2022 noch ein Ziel der Kategorie „(voraussichtlich) gar nicht möglich“, konnte 2026 erstmals ein kostenloser Shuttle vom Bahnhof zum Festivalgelände und wieder zurück eingerichtet werden – ein großer Erfolg für das Team. Denn der nächstgelegene Bahnhof liegt in einem anderen Bundesland als das Festival. Bei der Realisierung eines Shuttle-Services im benachbarten Landkreis stieß die AG jahrelang auf rechtliche Grenzen und bürokratische Hürden. Dank des großen Engagements eines OBS-Fans, der selbst Busunternehmer ist, wurde der Shuttle schließlich als Sonder-Linienverkehr durch die zuständige Bezirksregierung genehmigt. Dass ein barrierearmer Niederflurbus zum Einsatz kam, war ein toller Bonus. So wurde die Anreise per Bahn für alle Besucher:innen deutlich attraktiver. Die Finanzierung wurde durch das EFRE-Projekt „NachhaltigkeitsKulturOWL“ gewährleistet, dessen Kooperationspartner das OBS ist. Ohne diese Unterstützung hätte der Shuttle nicht realisiert werden können.

Aushang mit Fahrplan für „Bellas Bus-Shuttle“ an einer Haltestelle.

Natürlich können nicht immer solch große und besonders effektive Maßnahmen umgesetzt werden. Oft sind es viele kleine Dinge, die in der Summe ihre Wirkung entfalten und das Festival stetig grüner, diverser und inklusiver machen. Das Shuttle-Beispiel zeigt besonders eindrucksvoll, dass sich die Bewertung und Priorisierung von Maßnahmen mit der Zeit ändert, wenn die gesteckten Ziele im Fokus bleiben. Viele Nachhaltigkeitsmaßnahmen lassen sich auch mit Servicequalität verbinden, zum Beispiel beleuchtete Fahrradparkplätze. „Darüber hinaus sind Anreize, wie die Verlosung von Tickets für das Festival im nächsten Jahr unter allen Teilnehmer:innen der Anreisebefragung, sehr wirkungsvoll, um das Interesse am Thema zu wecken oder zu erhöhen“, unterstreicht Stiewe.

Eine Sprechblase auf grünem Hintergrund, gebildet aus gelben Karteikarten.

Kommunikation in alle Richtungen

Der wichtigste Erfolgsfaktor für das Erreichen der (Nachhaltigkeits-)Ziele ist die Kommunikation: „Von innen nach außen“ wurde 2022 zuerst das rund 120-köpfige Team über das neue Leitbild informiert und zur aktiven Beteiligung eingeladen. Im zweiten Schritt wurden Informationsblätter für die verschiedenen Partner:innen (z. B. Verkaufs- und Imbissstände, Hotels, Künstler:innen, etc.) erstellt. Diese enthalten neben den jeweiligen Zielen auch passende Vorschläge für spezifische Maßnahmen. Die Info-Sheets werden jährlich zusammen mit den Verträgen an die Partner:innen verschickt. Der letzte, weitaus größte Baustein, war die Neustrukturierung der Webseite. Die vorhandenen Angaben zu Haltung und Engagement wurden neu sortiert, ergänzt und unter einem eigenen Nachhaltigkeits-Reiter gut auffindbar im Hauptmenü platziert. Die Texte werden regelmäßig überarbeitet, damit auch das Publikum oder fördernde Institutionen stets aktuelle Informationen finden.

Die richtige Ansprache

Blaues Hinweisschild mit handgeschriebener Frage zur Nutzung von Abwasser an einer Holzwand.

Ein wesentliches Kriterium ist hierbei die Art der Ansprache: „Die Vermittlung von Zielen ist erfolgreicher, wenn sie nicht schulmeisterlich erfolgt, sondern die Menschen mitnimmt, sich in sie hineinversetzt und mit spielerischen Mitteln mit dem Thema vertraut macht. Nachhaltigkeitsmaßnahmen dürfen dem Publikum nicht die Freude am Festival nehmen“, betont Stiewe. Anstatt mit harten Vorgaben kommuniziert das OBS-Team daher humorvoll, wertschätzend und verständnisvoll mit allen Stakeholdern. 

Für das stetig wachsende und immer wieder neu zusammengesetzte Team gibt es eine eigene Passage zu Nachhaltigkeit in der Dienstbeschreibung und kurze Videoclips, die typische Fehler bei der Backstage-Arbeit aufzeigen.

Die Partner:innen werden vor Ort persönlich angesprochen und in einem lockeren Austausch ihre Anreisedaten abgefragt, womit nicht nur die Erfassung der Daten sichergestellt, sondern auch die Sensibilisierung für das Thema erhöht wird. Tipps zu möglichen Verbesserungen im nächsten Jahr können im persönlichen Gespräch leichter und wirkungsvoller vermittelt werden als auf einem Infoblatt.

Ideenboard zum Thema Nachhaltigkeit mit angepinnten Zetteln, umgeben von Efeu und Fotos.

Die Kommunikation mit dem Publikum erfolgt auf mehreren Wegen: Neben den klassischen Medien Webseite, Social Media (Instagram, Facebook, TikTok), Newsletter, Programmheft, App und LED-Wand, gibt es auf dem Festivalgelände ein „Grünes Brett“ mit Blanko-Zetteln. Darauf können die Besucher:innen ihre Ideen für mehr Nachhaltigkeit notieren. Hier wurde 2024 explizit stärkere Mülltrennung auf der Campingwiese gewünscht, was 2025 direkt umgesetzt wurde. Anreisebefragungen, nette Hinweise (z. B. Wasserhähne zu schließen oder Kippen nicht auf den Boden zu werfen) sowie Ansagen der Bühnenmoderation runden die Kommunikation ab.

Stringenz der Vermittlung

Erwachsener und Kinder arbeiten an einem Holzhäuschen bei einem Upcycling-Workshop.

Die im Leitbild definierten Ziele werden nicht nur kommunikativ vermittelt, sondern auch durch Angebote vor Ort: Das Rahmenprogramm des OBS umfasst Bildungsangebote wie Upcycling-Workshops, Vogelbeobachtungstouren in der Umgebung, Talks mit dem „Kollektiv Nachhaltigkeit“ oder das Klima-Bingo und das „Spiel des Überlebens“ in Kooperation mit der Initiative Music Declares Emergency. Aktiv gewählte Anbieter:innen leisten Aufklärungsarbeit, wie Melanom Info Deutschland – MID e. V., der die Gäste über Hautkrebsrisiken informiert und Sonnencreme verschenkt oder Viva con Agua de Sankt Pauli e. V., der Pfandbecher sammelt und mit dem Erlös Trinkwasserprojekte unterstützt. Die Merchandise-T-Shirts tragen das Seawatch-Logo für mehr Sichtbarkeit der Seenot-Rettungs-Initiative. So findet jede Alters- und Interessengruppe ihren Zugang zum Thema Nachhaltigkeit.

Die Arbeit zahlt sich aus

Vorbild sein, Haltung zeigen, mit Beteiligten kommunizieren und transparente Öffentlichkeitsarbeit für eine starke Außenwahrnehmung sind Aspekte, die schließlich zum Erfolg führen. Nicht nur, dass ein reduzierter Ressourcenverbrauch und ein geringerer Emissionsausstoß messbar die Kosten senken. Die zielgruppengerechte Vermittlung der Ziele verstärkt vor allem die emotionale Verbindung zu allen Stakeholdern. Die verlässliche Zusammenarbeit mit Partner:innen sowie ein Publikum, das „mitwächst“, sichern langfristig den Bestand des Festivals.

**Kompakter Bildtext:**
Zwei Personen machen ein Selfie vor einem sitzenden Publikum, das in die Kamera winkt.

Literaturverzeichnis

[1] Vgl.: https://orangeblossomspecial.de/nachhaltigkeit (Stand: 25.06.2026).

Kurzvita der Autorin

Elisa Cominato

Portrait von Elisa Cominato

Elisa Cominato ist Referentin der Geschäftsführung bei der Landesgartenschau Neuss 2026 und betreut Sonderprojekte für das sechsmonatige Großevent. Nebenbei unterstützt die IHK-zertifizierte Transformationsmanagerin für nachhaltige Kultur mehrere Organisationen und Projekte, u.a. das Orange Blossom Special Festival, ZUKUNFT FEIERN! Köln und Performing for Future.