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Nachhaltigkeit beim BVB: Was Kultureinrichtungen vom Profisportverein lernen können

11.06.2026 kultur-klima

Nachhaltigkeit beim BVB: Was Kultureinrichtungen vom Profisportverein lernen können

Ein Interview mit Marieke Philippi, Leiterin der Stabsstelle Corporate Responsibility beim BVB

Großveranstaltungen, heterogenes Publikum, öffentliche Strahlkraft – und der Anspruch, dabei verantwortungsvoll zu handeln. Vor dieser Aufgabe stehen Kultureinrichtungen und Profisportvereine gleichermaßen. Borussia Dortmund hat in den vergangenen Jahren ein professionelles Nachhaltigkeitsmanagement aufgebaut.

Wir haben uns die Frage gestellt: Was lässt sich davon auf Kulturbetriebe übertragen? Marieke Philippi gibt in folgendem Gespräch Antworten.

Vom Thema zur Strategie: Nachhaltigkeit als Teil der BVB-Struktur

k-k: Borussia Dortmund hat seit 2019 eine Stabsstelle für Corporate Responsibility – was hat sich intern dadurch verändert, und was wäre ohne diese Stelle heute nicht passiert?

MP: Der Stellenwert und die Bedeutung von Nachhaltigkeit und Verantwortung innerhalb der Organisation hat sich dadurch deutlich erhöht. Die Gründung dieser Stabsstelle war der Grundstein dafür, dass unser professionelles Nachhaltigkeitsmanagement heute die gesamte interne BVB-Struktur durchdrungen hat. Die Thematik ist für den Klub von strategischer Wichtigkeit und aus dem Kosmos von Borussia Dortmund nicht mehr wegzudenken. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es ohne diese zentrale Abteilung heute anders wäre.

Gelbe Sitze im Stadion

Mobilität als zentrale Herausforderung

k-k: Wie bei Kultureinrichtungen ist auch bei Ihnen die Publikums- bzw. Fanmobilität der größte Hebel, um Emissionen einzusparen. Welche Maßnahmen setzen Sie zur Reduktion um? Wie messen Sie, ob Ihre Maßnahmen tatsächlich das Reiseverhalten ändern?

MP: Dieser größte Hebel ist gleichzeitig auch mit der größten Herausforderung verbunden: Über 80.000 Menschen kommen alle zwei Wochen zu uns in Deutschlands größtes Stadion. Es ist utopisch zu glauben, dass wir jeden Einzelnen direkt erreichen oder beeinflussen können. Das ist auch gar nicht unser Anspruch.

Wir wollen niemandem mit erhobenem Zeigefinger dazu bringen, auf bestimmte Art und Weise anzureisen. Wir schaffen aber mit gezielten Maßnahmen konkrete Anreize, um umweltfreundlicher in den SIGNAL IDUNA PARK zu kommen. Das gilt auch für unsere eigene Belegschaft und den Weg zum Arbeitsplatz.

Zum einen sind Hin- und Rückfahrt am Heimspieltag mit Bus und Bahn in den Eintrittskarten enthalten. Dass die kostenlose Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im gesamten Bundesland NRW und nicht nur im Bereich von Stadt oder Region gilt, ist deutschlandweit einmalig. Zum anderen gibt es vergünstigte Jobtickets für Mitarbeitende sowie die Möglichkeit eines Radleasings. Die Elektrifizierung unserer Fahrzeugflotte schreitet auch voran, ebenso der Aufbau der E-Ladeinfrastruktur.

Zudem führen wir mit unserem Nachhaltigkeitspartner DSW21 eine jährliche Mobilitätsanalyse rund um einen Heimspieltag durch, um die für unsere Arbeit notwendigen Ableitungen zu treffen und ggf. Maßnahmen anzupassen.

Nachhaltigkeit glaubwürdig kommunizieren

k-k: Sie sagen in einem anderen Interview, dass Sie nicht missionarisch wirken wollen. Wie entscheiden Sie konkret, wann und wo Sie im Stadion ein Nachhaltigkeitsthema kommunizieren und wann Sie es bewusst weglassen?

MP: Glaubwürdigkeit, Substanz und Kontext sind für uns hierfür die entscheidenden Kriterien. Wir sind ein sozialer Anker mit einer riesigen Strahlkraft, nicht nur lokal oder regional, sondern auch international. Mit dieser Verantwortung gehen wir sehr bewusst um. Entlang unserer strategischen Fokusthemen wollen wir Menschen sensibilisieren – aber immer gepaart mit einem inhaltlichen Fundament, auf dem eine entsprechende Kommunikation stets basieren sollte. Wir kommunizieren nicht aus Prinzip, sondern immer aus Überzeugung.

Zwei Fußballspieler und drei Schiedsrichter stehen auf dem Spielfeld und halten ein Banner der Initiative „wir-gegen-krebs.de“

Das Kerngeschäft, vor allem im Stadion, ist und bleibt der Fußball. Wir freuen uns, wenn wir diese Plattform gelegentlich auch sinnvoll dazu nutzen können, um die für uns wichtigen Themen mit gesellschaftlicher Relevanz kommunikativ flankierend mit diesem Kerngeschäft zu verbinden.

Wie Partnerschaften nachhaltige Impulse setzen

k-k: Bei Nachhaltigkeits-Roundtables setzen Sie sich mit Ihren Sponsor:innen und Partner:innen zusammen und reden über Nachhaltigkeit. Wie bringen Sie diese dazu, nicht nur zuzuhören, sondern selbst etwas zu verändern?

MP: Alle unsere Partner:innen und Sponsor:innen haben entlang ihres Kerngeschäfts eigene Strategien, Ziele und Maßnahmen, um Nachhaltigkeit und Verantwortung bei sich selbst im Unternehmen voranzutreiben. Unser Dialog im Rahmen der Roundtables ist daher stets auf inhaltlicher Augenhöhe, da braucht es keinen dezidierten Anschub unsererseits. Wir tauschen Ideen und Learnings aus, inspirieren uns gegenseitig und identifizieren inhaltliche Schnittmengen, mithilfe derer wir unsere Zusammenarbeit weiterentwickeln können.  

Zwei Personen stehen vor einem Whiteboard; eine Person klebt Post-Its auf das Whiteboard

Abwägen, prüfen, umsetzen: Wie Maßnahmen tragfähig werden

k-k: Gibt es Widerstand gegen einzelne Nachhaltigkeitsmaßnahmen und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

MP: Bei allem, was wir tun, wägen wir Chancen, Risiken und Potenziale ab. Manche Maßnahmen und Ideen werden umgesetzt, manche letztlich nicht. Das hat aber nichts mit Widerstand zu tun, sondern ist Teil eines gänzlich normalen Entscheidungsprozesses innerhalb unserer Organisation. Wir werden immer versuchen, Maßnahmen zu realisieren, die sinnstiftend, strategisch sinnvoll und umsetzbar sind und den BVB nach vorne bringen.

Tipps für kleine und mittelgroße Kultureinrichtungen

k-k: Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie einer kleinen bis mittelgroßen Kultureinrichtung ohne eigenes Nachhaltigkeitsbudget, um Nachhaltigkeit wirklich in den Betrieb zu bringen?

MP: Letztlich muss man sich immer die Frage stellen: Was ist der Fokus meines Kerngeschäfts und was kann ich wirklich unmittelbar sinnvoll beeinflussen? Abgeleitet daraus ergeben sich dann so gut wie immer automatisch Maßnahmen, die sich sinnstiftend und niederschwellig umsetzen lassen. Einfach anzufangen und Stück für Stück besser zu werden ist immer sinnvoller als gar nichts zu tun.

Kurzvita

Marieke Philippi

Marieke Philippi ist bereits seit 2007 bei Borussia Dortmund und seit ihrer Gründung im Jahr 2019 Teil der Stabsstelle Corporate Responsibility. Seit 2022 ist sie Leiterin der Stabsstelle. Zuvor verantwortete die frühere BVB-Handballspielerin unter anderem die Arbeit der vereinseigenen BVB-Stiftung „leuchte auf“.