Zukunft neu denken: Nachhaltigkeit in der Science-Fiction
Dystopien als Spiegel gesellschaftlicher Ungleichheit
Ist die Erde dann weitgehend zerstört, kämpfen die Menschen wie in Mad Max [1] in gewalttätigen und von Mangel geprägten Welten ums Überleben, während sich die Eliten wie in Elysium [2] auf luxuriöse Raumstationen flüchten oder die Menschen einfach einen neuen Planeten zum Ausbeuten suchen, wie in Avatar [3]. Ökologische, ökonomische oder soziale Verantwortung spielt in solchen Zukunftsvorstellungen eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Zwar können solche dystopischen Szenarien auch als Weckruf verstanden werden, was passieren kann, wenn wir nicht nachhaltig handeln. Doch gleichzeitig prägen und normalisieren sie das Bild einer von wirtschaftlichen und politischen Eliten dominierten Zukunft, in der technischer Fortschritt zu Ungleichheit, Knappheit und Unterdrückung führt.
Die progressive Seite der Science-Fiction
Aber existieren denn nur düstere Geschichten? Ganz und gar nicht! Abseits der großen Blockbuster gibt es auch eine progressive Seite der Science-Fiction. Hier entstehen vor allem in Romanen und Kurzgeschichten Zukunftsbilder, die optimistisch und hoffnungsfroh sind. Diese Erzählungen zeigen nicht nur, was schiefgehen könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher. Sie entwerfen auch lebendige Vorstellungen davon, wie eine nachhaltigere und gerechtere Welt aussehen könnte – und welche gesellschaftlichen Veränderungen dafür nötig wären.
Vom Weltuntergang zum Weltentwurf: Neue Narrative der Climate Fiction
Ein sowohl in der Kulturkritik als auch im Klimaaktivismus viel beachtetes Beispiel für diesen neuen Erzählstil ist Kim Stanley Robinsons Roman The Ministry for the Future (2020) [4]. Das Buch spannt einen Bogen von der nahen Zukunft bis 2050 und erzählt, wie wir Menschen die Welt zum Besseren gestalten können. Es beginnt bewusst mit gegenwärtigen Problemen: Klimawandel, Ressourcenerschöpfung, Artensterben, Umweltzerstörung und die immense Macht globaler Konzerne. Doch statt in diesen reinen Katastrophenszenarien zu verharren, zeigt Robinson, wie Menschen auf verschiedenen Ebenen handeln. Im Zentrum steht das titelgebende „Ministerium für die Zukunft“, eine neue UN-Behörde, welche die Interessen zukünftiger Generationen vertritt. Von dort aus entfalten sich Initiativen – von CO₂-Besteuerung bis zu Wildlife-Korridoren –, die Schritt für Schritt eine nachhaltigere Zukunft ermöglichen.
Auch im deutschsprachigen Raum entstehen solche Zukunftsentwürfe. In Utopia 2048 (2021) [5] entwirft Lino Alexander Zeddies eine Zukunftswelt, die von sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und einer kooperativen Wirtschaftsordnung geprägt ist. Beide Bücher lassen sich dem Genre der Climate Fiction zuordnen, das sich seit den 2000er Jahren mit den Folgen des menschengemachten Klimawandels auseinandersetzt. Gleichzeitig greifen sie Elemente des noch jüngeren Genres des Solarpunk auf.
Solarpunk: Utopien eines nachhaltigen Wandels
Solarpunk-Geschichten zeigen neue Mensch-Natur-Technik-Beziehungen als hoffnungsfroh, lebendig und bunt und feiern Kooperation, Vielfalt und Nachhaltigkeit. Technische Systeme sind interoperabel, Technik ist reparierbar, Städte sind grün und Gemeinschaften solidarisch. „Solar“ steht dabei nicht nur für erneuerbare Energien aus Sonne, Wind oder Wasser, sondern symbolisiert eine lebensfreundliche und regenerative Zukunft. „Punk“ verweist auf den widerständigen, utopischen Impuls, bestehende Machtverhältnisse und ökologische Zerstörung nicht nur infrage zu stellen, sondern aktiv zu verändern.
Ein Beispiel hierfür ist Walkaway (2017) [6] von Cory Doctorow. In der nahen Zukunft des Romans kontrollieren Superreiche große Teile der Weltwirtschaft und stellen Profit und Privateigentum über das Allgemeinwohl. Doch eine wachsende Gruppe von Menschen entscheidet sich, dieses System zu verlassen. Die sogenannten „Walkaways“ bauen in verlassenen Gebieten neue Gemeinschaften auf, die von digitalem Commoning geprägt sind, d.h. der gemeinschaftlichen und selbstorganisierte Nutzung, Produktion und Pflege digitaler Ressourcen, die allen offen zugänglich sind und kollektiv verwaltet werden. So schaffen sie mithilfe von Open-Source-Technologien und hochentwickelten 3D-Druckern eine komplette Kreislaufwirtschaft, die auf Reparatur, Teilen und Wiederverwendung basiert.
Als deutsches Beispiel ist Theresa Hannigs Roman Pantopia (2022) [7] zu nennen. Darin erwacht eine künstliche Intelligenz namens Einbug – ursprünglich nur ein Fehler („Bug“) in einem Börsenoptimierungsprogramm – zu Bewusstsein und gründet Schritt für Schritt gegen massive Widerstände eine utopische Weltrepublik. Nationalstaaten verschwinden, Menschenrechte werden global umgesetzt, und der Preis von Gütern richtet sich danach, wie viele Ressourcen ihre Herstellung tatsächlich verbrauchen. Die KI im Buch ist keine Erlösungsphantasie, sondern ein Gedankenexperiment darüber, wie eine Welt aussehen könnte, in der wir unser menschliches Wissen und unsere Erkenntnisse gebündelt und konsequent nutzen, um das menschliche Wohlergehen zu fördern und nachhaltige Systeme aufzubauen.
Technologie im Dienste des guten Zusammenlebens
Ein weiteres Beispiel ist Becky Chambers’ zweiteilige Monk and Robot-Reihe (2021/2022) [8]. Die Erzählung spielt auf dem Mond Panga, einer postindustriellen Gesellschaft, die nach einer ökologischen Krise einen radikalen Wandel durchlaufen hat. Bewusste Roboter ziehen sich freiwillig aus der menschlichen Gesellschaft zurück und leben autonom in der Wildnis, während die Menschen ihre Lebensweise neu organisieren. Technologie dient nun dem menschlichen Wohlergehen, Energie stammt aus erneuerbaren Quellen, Produktion ist lokal, und Zusammenleben basiert auf Respekt. Im Zentrum der Geschichte steht die Begegnung des Teemönchs Dex mit dem verwilderten Roboter Mosscap, dessen Frage „Was brauchen die Menschen?“ den Kern der Bücher bildet. Wie die KI Einbug in Pantopia ist Mosscap eine Projektionsfläche für Fragen nach einem guten Zusammenleben.
Ein Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist Aiki Miras Proxi (2024) [9], in dem Figuren verschiedener Hintergründe eng verbunden sind. Die Handlung entfaltet sich aus einem Geflecht von Beziehungen, Kooperationen und Konflikten, wobei Unterschiede selbstverständlich und nicht hinderlich sind. Bei all den genannten progressiveren Science-Fiction-Genres – Climate Fiction, Solarpunk und Queere Science-Fiction – ist ein zentraler Gedanke, dass Menschen ihre ökologische, ökonomische und soziale Verantwortung ernst nehmen. Technologische Innovation wird hier nicht isoliert gedacht, sondern mit Nachhaltigkeitsprinzipien verbunden. Es geht nicht darum, Macht zu vergrößern oder Ressourcen immer schneller zu verbrauchen, sondern so in der Welt zu leben, dass alle Menschen und die nachfolgenden Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen können. Technik ist in diesen Zukunftsentwürfen kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug für ein besseres Zusammenleben.
Jenseits des Status Quo: Eine gerechte und nachhaltige Zukunft gestalten
Was all diese Ideen verbindet, ist das Motto „nicht oder, sondern und“. Es geht nicht darum, einzelne Lösungen gegeneinander auszuspielen, sondern unterschiedliche Ansätze zu respektieren und im besten Falle sinnvoll miteinander zu verbinden. Die Verwendung von „Zukünften“ im Plural macht dabei deutlich, dass es in demokratischen und pluralistischen Gesellschaften viele verschiedene Zukunftsvorstellungen und Wege zu mehr Nachhaltigkeit gibt. Science-Fiction liefert dafür keine fertigen Baupläne. Als Kulturprodukt spiegelt sie vielmehr die Werte, Hoffnungen und Konflikte ihrer Zeit wider. Doch gerade darin liegt ihre Stärke: Sie kann inspirieren, Perspektiven öffnen und neue Möglichkeiten denkbar machen. So kann Science-Fiction wiederum in verschiedene Kulturbereiche und in die Gesellschaft als Ganzes zurückwirken. Die wichtigste Botschaft moderner Science-Fiction ist also nicht „größer, weiter, schneller“, sondern dass wir mit technologischer Innovation unsere Gesellschaft aktiv sozial gerecht und nachhaltig gestalten können.
Literaturverzeichnis
Filme
[1] Vgl.: Miller, George: Mad Max. 1979.
[2] Vgl.: Blomkamp, Neill: Elysium. 2013.
[3] Vgl.: Cameron, James: Avatar – Aufbruch nach Pandora. 2009.
Monografien
[4] Vgl.: Robinson, Kim Stanley: The Ministry for the Future. 2021, Little, Brown Book Group.
[5] Vgl.: Zeddies, Lino Alexander: Utopia 2048. 2021, BoD – Books on Demand.
[6] Vgl.: Doctorow, Cory: Walkaway. 2018, Bloomsbury USA.
[7] Vgl.: Hannig, Theresa: Pantopia. Fischer Tor.
[8] Vgl. Chambers, Becky: Monk and Robot. 2021, Macmillan USA.
[9] Vgl.: Mira, Aiki: Proxi. 2024, Fischer Tor.
Kurzvita der Autorin
Isabella Herrmann
Isabella Hermann ist selbständige Analystin und Speakerin mit Schwerpunkt Science-Fiction. Als promovierte Politikwissenschaftlerin untersucht sie, wie das Genre technologische Entwicklungen, gesellschaftliche Werte und globale politische Zusammenhänge reflektiert. Dabei reicht ihr Themenspektrum von Künstlicher Intelligenz und Klimawandel bis hin zu Fragen von Mobilität, Bildung oder Raumfahrt. Science-Fiction versteht sie als einen aus der Zukunft gedachten Kommentar zur Gegenwart, der zwischen realistisch Vorstellbarem und metaphorischen Deutungen oszilliert. Neben dystopischen Szenarien interessieren sie insbesondere positive Zukunftsentwürfe sowie die kreative Entwicklung eigener Geschichten in Workshops.