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Denkmalpflege als Beitrag für eine nachhaltige Gesellschaft

Von Johanna Beutner

Die Denkmalpflege setzt sich für die Bewahrung dessen ein, was von Menschen geschaffen und von ihnen als historisch bedeutsam erkannt wurde. Es kommt dabei nicht darauf an, wie alt etwas ist oder ob es als „schön“ empfunden wird. Denkmalpflege und Denkmalschutz umfassen alles: vom spätantiken Gräberfeld über das hochmittelalterliche Kloster bis hin zur modernen Industrieanlage: Auf den historischen Zeugniswert kommt es an!

Im doppelten Sinne nachhaltig

Neben der Bewahrung bedeutsamer Stätten, Ortskerne, Baumonumente usw. strebt gerade die Baudenkmalpflege die Zuführung oder Beibehaltung einer sinnvollen Nutzung an. Bewahrung und Nutzung gehen also Hand in Hand: Um Leerstand und Verfall vorzubeugen, setzt die Denkmalpflege auf Instandsetzung und Instandhaltung. Dabei trägt sie auch dem Umstand Rechnung, dass Kontinuität nicht ohne Veränderung auskommt. 

Indem sich die Denkmalpflege für den Erhalt des kulturellen Erbes einsetzt und für den Erhalt des überlieferten (Bau-)Bestands eintritt, ist sie in doppeltem Sinne nachhaltig. In Zeiten schnelllebiger Trends geht es den Akteur:innen der Denkmalpflege um die Wahrung von Identität durch gesellschaftliche Partizipation: Ob Strukturwandel, Klimaanpassung oder sich wandelnde Wohnstandards – der bewahrende Ansatz der Denkmalpflege sucht Antworten auf die sich stetig ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Auf komplexe Problemstellungen gibt es nur selten „einfache“, dafür aber umso häufiger nachhaltige Lösungen. Der nachhaltige Umgang mit dem überlieferten Bestand bildet dabei einen wichtigen Baustein bei der Abmilderung der Folgen des Klimawandels.

Große aneinandergereihte Wohnhäuser im Stil der Gründerzeit

Mythos „Nachhaltiges Bauen“

Der Gebäudesektor hat einen wesentlichen Anteil an den Treibhausgasemissionen und damit am Fortschreiten des Klimawandels. Weltweit beträgt der Anteil ca. 34 % und in Deutschland ca. 30 %. Auch wenn ein großer Teil davon nach wie vor auf den Betrieb der Gebäude entfällt, ist die Produktion der Baustoffe wie Zement oder Stahl mit einem hohen Energieaufwand aus fossilen Energieträgern verbunden. [1] Die für den gesamten Errichtungsprozess eines Gebäudes aufgewendete Energie wird auch als graue Energie bezeichnet.

Selbst wenn die Emissionen für die Produktion der Baustoffe und Errichtung der Gebäude gesenkt werden können, tragen Rohstoffknappheit und Flächenversiegelung zu den negativen Folgen des Bauens bei. Auch wenn die Energiebilanz von Neubauten auf den ersten Blick günstiger erscheint als bei älterem Baubestand, ist nachhaltiges Bauen unter den heutigen Produktionsbedingungen kaum möglich. Daher ist der Erhalt des Bestehenden inklusive der darin „gespeicherten“ grauen Energie so essentiell.

Erhalt statt Neubau

Die Denkmalpflege setzt sich seit über einem halben Jahrhundert für eine Kultur des Bauens ein, die von Seiten der Architekturschaffenden unter dem Schlagwort „Bauwende“ in den letzten Jahren immer vehementer gefordert wird: Erhalt und Ertüchtigung statt Abriss und Neubau, Bauen im Bestand, Recyclen statt Wegwerfen, Reparieren statt Erneuern[2]

In all diesen Bereichen können die Erfahrungen der Denkmalpflege zu einem Wandel der Baukultur im Sinne der Nachhaltigkeit beitragen. Die Denkmalpflege setzt dabei auf reversible Lösungen, behutsame Umbauten und sensible Erweiterungen. [3]

Vom traditionellen Fachwerk bis zum klimaresilienten Schlosspark: Praxisbeispiele aus dem Rheinland

In die Umsetzung anspruchsvoller Instandsetzungs- oder Umnutzungsprojekte fließt von allen Beteiligten viel Herzblut. Die hier vorgestellten Projekte entstehen als Gemeinschaftsleistungen, die nicht ohne die Ideen und finanziellen Mittel der Eigentümer:innen möglich wären und an deren Umsetzung die planenden und ausführenden Akteur:innen den größten Anteil haben. Dabei können sie sich auf eine kontinuierliche denkmalfachliche Beratung seitens des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland stützen.

Solange ein Fachwerkhaus standfähig ist, kann es praktisch unbegrenzt instandgehalten werden: morsche Hölzer im Gefüge können ausgetauscht oder repariert, Gefache erneuert werden. Heute kommen dabei wieder ökologische Baustoffe wie Lehmsteine zum Einsatz, so auch bei der Sanierung der Wassermühle Tüschenbroich. Eine Innendämmung beispielsweise aus Holzfaserplatten oder Schilf mit Lehmputz in Verbindung mit einer Wandheizung sorgt für eine behagliche, gleichmäßige Wärme. Die Verwendung ökologischer Baustoffe ist nicht nur nachhaltiger und besser für die Umwelt, sie ermöglicht auch einen Feuchtigkeitstransport, sodass das Haus „atmen“ kann. Dies schützt die Fachwerkkonstruktion und sorgt für ein gesundes Raumklima.

Energetische Ertüchtigung: auch in denkmalgeschützten Altbauten möglich!

Dass man vor eine gründerzeitliche Stuckfassade keine Außendämmung setzt, hat nicht nur ästhetische Gründe – auch für das Gebäudeklima kann ein unsachgemäßes „Einpacken“ negative Auswirkungen haben. Trotzdem kann die Energieeffizienz selbst bei denkmalgeschützten Altbauten durch Innendämmungen etwa in Verbindung mit Vorsatzscheiben oder Kastenfenster-Systemen deutlich gesteigert werden, ohne in die Bausubstanz einzugreifen. Selbst Wärmepumpen und Photovoltaik kommen bereits vielfach zum Einsatz. Da es bei Denkmälern keine Standardlösungen gibt, ist eine fachliche Beratung, eine enge Abstimmung mit den Denkmalbehörden und ein sensibles Vorgehen unerlässlich.

Von der Pfarr- zur Fahrradkirche

Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel werden immer mehr Kirchen verkauft und einer neuen Nutzung zugeführt. Allerdings sind die meist hohen, offenen Räume nicht so einfach neu zu bespielen und dabei einer denkmalgerechten Nutzung zuzuführen. Es gibt allerdings auch Beispiele, bei denen die neue Nutzung ohne Eingriffe in die Substanz einhergehen kann, so etwa geschehen in Jülich:

Die nach einem Entwurf von Gottfried Böhm errichtete Pfarrkirche St. Rochus wurde von einem lokal ansässigen Fahrradhändler erworben und ohne große Veränderungen in eine Verkaufshalle umgewandelt. Damit konnte nicht nur dieser denkmalgeschützte Kirchenraum erhalten, sondern auch ein gewerblicher Neubau „auf der grünen Wiese“ und eine damit einhergehende Flächenversiegelung vermieden werden.

Eine gemauerte Brücke führt über einen Teich

Der Schlosspark Brühl als Wegweiser für Klimaresilienz

Historische Garten- oder Parkanlagen sind durch ihre Lage innerhalb von Siedlungen oder in deren Nähe nicht nur wichtige Naherholungsgebiete, sondern auch essentiell für das Mikroklima eines Ortes. Durch den fortschreitenden Klimawandel sind viele historische Baum- und Pflanzenbestände bedroht. Zugleich gibt es aber innovative Ansätze, die Anlagen klimaresilienter zu machen. Dabei wird sich nicht selten historischer Techniken bedient. Denn auch in der Gartenkunst zeigt sich, dass historisches Handwerkswissen modernen Handwerkstechniken gerade in punkto Nachhaltigkeit oft überlegen ist.


Als UNESCO-Weltkulturerbe ist der Brühler Schlosspark ein herausragendes Beispiel für den hohen kulturellen und ökologischen Wert historischer Parkanlagen. Ein aktuell laufendes Forschungsprojekt, das innerhalb des von Peter Joseph Lenné geplanten Landschaftsgartens aus dem 19. Jahrhundert durchgeführt wird, erarbeitet Strategien zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels. [4] Ziel ist die Wiederherstellung eines Eichenwaldes anstelle des heutigen monokulturellen Buchenbestandes. Dabei bedient man sich unter anderem des Effekts der Naturverjüngung und der künstlichen Verjüngung durch Aussaat in kleinen Waldbaumschulen innerhalb des Parks.  Die hier gewonnenen Erkenntnisse können wiederum Modellcharakter für Gärten oder Parks insgesamt haben.

Von der Industrieanlage zum Gewerbecampus zur Kulturstätte

Viele Industriezweige haben sich durch den Strukturwandel verändert, sind abgewandert oder existieren nicht mehr. Große Industrieanlagen fielen dadurch in den letzten Jahrzehnten brach. In Köln-Mülheim zeigt sich aber, dass die Verbindung aus gewerblicher und kultureller Nutzung nicht nur wirtschaftlich tragfähig sein kann, sondern auch mit einer enormen Aufwertung des gesamten Quartiers einhergeht. Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelherstellers Felten & Guillaume, genannt „Carlswerk“, konnte sich erfolgreich ein Gewerbecampus etablieren. Seit einigen Jahren dient das Gelände zudem als Ausweichspielstätte für die Kölner Bühnen. Zwei weitere Veranstaltungshallen ergänzen die kulturelle Nutzung des Ortes.

Gute Beratung der Denkmalfachämter

Das LVR-Amt für Denkmalpflege und das LWL-Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur setzen sich als Denkmalfachämter in Nordrhein-Westfalen für diesen nachhaltigen Ansatz ein. Als öffentliche Dienstleister beraten sie die Denkmalbehörden und Eigentümer:innen mit den Planenden und den Handwerksbetrieben vor Ort und leisten einen wichtigen Beitrag zur Erfassung und Erforschung der Denkmäler im Rheinland.

► Für Anliegen im Rheinland ist das LVR-Amt für Denkmalpflege zuständig.

► Für Westfalen-Lippe ist das LWL-Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur zuständig.

Literaturverzeichnis

[1] Die Stahl- und Zementproduktion hält einen Anteil von 18 % am Treibhausgasausstoß des Bausektors; Quelle zu den globalen Zahlen: UNO Global Status Report for Buildings and Construction 2024/25. Abgerufen von: https://www.unep.org/resources/report/global-status-report-buildings-and-construction-20242025 (Stand 09.12.2025). Quelle zu den Zahlen in Deutschland: Energieeffizienz in Zahlen. Entwicklungen in Deutschland 2022, Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Abgerufen von:: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/energieeffizienz-in-zahlen-2022.pdf?__blob=publicationFile&v=9 (Stand 09.12.2025)

[2] Siehe hierfür etwa das Schwerpunktthema „Bauwende“ des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) (https://www.bda-bund.de/bda-schwerpunkt-bauwende/), die Petition von Architects for Future mit dem Titel „Bauwende JETZT“ von 2021 mit einem Quorum von über 50.000 Unterschriften oder zahlreiche Initiativen und Vereine, die den Titel Bauwende bereits im Namen tragen (Bauwende e.V., Bauwende Allianz etc.).

[3] Siehe hierfür die Position der Vereinigung der Denkmalfachämtern in den Ländern (VDL) und die VDL-Broschüre „Denkmalschutz ist Klimaschutz“. Abgerufen von: https://www.vdl-denkmalpflege.de/denkmalschutz-ist-klimaschutz (Stand 16.12.2025).

[4] Das Forschungsprojekt läuft unter dem Titel „Gestalterische Anpassung einer historischen Anlage an die Auswirkungen des Klimawandels – Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl“ und wird im Rahmen des Bundesprojekts „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Kooperation mit der Universität Bonn durchgeführt. Abgerufen von: https://klimaanpassung-gartendenkmal.de/projekte/gestalterische-anpassung-einer-historischen-anlage-an-die-auswirkungen-des-klimawandels (Stand 16.12.2025).

Kurzvita der Autorin

Johanna Beutner

Johanna Beutner studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Christliche Archäologie an der Universität Bonn. In ihrer Promotion zu den mittelalterlichen Frauenkonventen in Köln und Regensburg setzte sie sich mit Fragen der Raumnutzung auseinander. Aktuell absolviert sie ihr wissenschaftliches Volontariat beim LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland.

Besonders beschäftigt sie der Zusammenhang von gesellschaftlichem und strukturellem Wandel und die damit verbundene Frage der Zukunftsfähigkeit von Denkmälern, konkret am Beispiel der Umnutzung von Kirchen.

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