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Kultur ist keine Dekoration – sie ist Praxis

Alison Tickell von Julie’s Bicycle im Interview mit kultur-klima

Hinweis: Dieses Interview ist auch in englischer Sprache verfügbar. Die englische Version ist die Originalsprache, in der das Interview geführt wurde.

Julie’s Bicycle prägt seit fast zwei Jahrzehnten den Umgang des Kultursektors mit der Klimakrise. In diesem Interview beschreibt die Gründerin, warum tiefgreifende praktische Veränderungen wichtiger sind als symbolische Gesten, wie Kultur und Politik sich gegenseitig stärken können und warum nicht kurzfristige Lösungen, sondern langfristige Bewegungen entscheidend für wirksame Klimaarbeit sind.

Von Musik und Community-Arbeit zur Klimapraxis

k-k: Was hat dich ursprünglich motiviert, dich mit dem Zusammenspiel von Kultur und Klima zu beschäftigen — und wie hat sich daraus deine heutige Arbeit bei Julie’s Bicycle entwickelt?

AT: „Ich habe 2007 angefangen. Davor habe ich 20 Jahre im Bereich Community Music gearbeitet und war dadurch sensibilisiert für gesellschaftliche Fragen. Gleichzeitig komme ich aus einer Familie, die sich intensiv mit Klimathemen beschäftigt hat – im Kontext von Diplomatie und Wissenschaft. Parallel dazu war ich in der Musikindustrie tätig und mir wurde deutlich, dass sich die Reaktion auf den Klimawandel im Kulturbereich im Wesentlichen auf zwei Dinge beschränkte: Entweder wurden Prominente für Kampagnen gewonnen oder künstlerische Arbeiten in Auftrag gegeben. Wenn wir unsere Antworten jedoch nicht wirklich in der Praxis verankern – also in der Art, wie wir arbeiten –, werden wir weder das Problem noch mögliche Lösungen wirklich verstehen. Es war offensichtlich, dass hier etwas fehlte. Genau deshalb habe ich Julie’s Bicycle gegründet: um zu erforschen, wie eine umfassendere und vor allem praktische Antwort auf den Klimawandel aussehen kann.“

Aktivist:innen, die aufzeigen und ein Megafon in die Höhe halten

Von CO₂-Bilanzen zur Kulturpolitik

k-k: Julie’s Bicycle war eine der ersten Organisationen, die den Kultursektor dabei unterstützt haben, nachhaltiger zu werden. Was waren für euch bisher besonders wichtige Meilensteine oder Wendepunkte?

AT: „Eine der ersten wichtigen Erkenntnisse war, dass die Musikindustrie – und später auch andere kulturelle Bereiche – ein starkes Bedürfnis hatten, konkret ins Handeln zu kommen. 2007 haben wir die erste CO₂-Bilanz der britischen Musikindustrie erstellt, das war für mich äußerst aufschlussreich. Es zeigte sich, dass Klimawandel unmittelbar mit unserer Arbeitsweise zu tun hat: mit Ressourcennutzung, Mobilität und alltäglichen Entscheidungen. Diese sehr praktischen Fragen erwiesen sich zugleich als inspirierend. Aus dieser Arbeit entstanden unsere CO₂-Bilanzierungsinstrumente und ein systemisches Denken über das Verhältnis von Kultur und Ökologie.

Ein weiterer wichtiger Schritt folgte 2009, als wir begannen, mit dem Bürgermeister von London an kulturpolitischen Fragen zu arbeiten und unsere Aktivitäten mit größeren politischen Rahmenwerken zu verknüpfen – später auch mit dem Pariser Klimaabkommen. 2012 kam es zu einem entscheidenden Wendepunkt: Der Arts Council England führte Umweltauflagen als Voraussetzung für Fördermittel ein, und Julie’s Bicycle setzte dieses Programm um. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Veränderung braucht Zeit – sie ist langfristig angelegt und verläuft selten linear.

Ein weiterer Umbruch folgte 2015 mit dem Pariser Klimaabkommen. Erstmals wurden nichtstaatliche Akteur:innen ausdrücklich einbezogen, darunter auch der Kultursektor. Mit dem 1,5-Grad-Ziel wurde zudem ein gemeinsamer Orientierungsrahmen geschaffen. 2017 starteten wir das Creative Climate Leadership Programme, nachdem wir erkannt hatten, dass weltweit viele Menschen bereits an der Schnittstelle von Kultur und Klima Pionierarbeit leisteten, jedoch isoliert arbeiteten, kaum Unterstützung erhielten und keine gemeinsame Sprache hatten. In diesem Moment wurde deutlich: Hier entsteht eine Bewegung – und unsere Aufgabe ist es, sie zu stärken.

In jüngerer Zeit ist das kulturelle Klimahandeln stark gewachsen. Heute muss kaum noch begründet werden, warum Kultur und Klima zusammengehören. Was jedoch weiterhin fehlt, ist ein belastbarer politischer Rahmen, der diese Dynamik langfristig unterstützt – und genau daran arbeiten wir derzeit intensiv.“

Warum Kultur auf die Klimagipfel gehört

AT: „Entscheidend ist, dass diese Arbeit von einer starken Bewegung kultureller und kreativer Akteur:innen getragen wird, die vor Ort verwurzelt sind. Inzwischen haben sich rund 56 Kulturminister:innen in der Group of Friends of Culture-Based Climate Action zusammengeschlossen und bringen diese Themen in die Arbeit der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) ein. Dadurch entsteht ein Raum, in dem sich internationale Klimapolitik tatsächlich verschieben kann – insbesondere im Bereich der Anpassung.“

Zwischen Knappheit und Überforderung

k-k: Du sprichst von der engen Zusammenarbeit mit vielen unterschiedlichen Organisationen, also von kleinen Initiativen bis hin zu großen Häusern. Mit welchen Herausforderungen habt ihr am häufigsten zu tun, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit in diesen Strukturen zu verankern?

AT: „Die Herausforderungen unterscheiden sich je nach Kontext. Manchmal herrscht eine Kultur der Knappheit, weil finanzielle Mittel fehlen. Manchmal eine Kultur der Überforderung, weil Klimawandel, Artenverlust und Klimagerechtigkeit überwältigend wirken. Es ist zentral, Gefühle von Angst, Ohnmacht oder Verzweiflung zu überwinden. Am besten gelingt das durch Gemeinschaft, durch Inspiration von Gleichgesinnten sowie durch Freude und Handlungsfähigkeit. So wichtig das auch ist — es geht nicht nur darum, Emissionen auf Net Zero zu reduzieren.

Es geht um sehr viel mehr: um Fürsorge füreinander, um richtige Information und darum, unsere Vorstellungskraft für die ganze Bandbreite dessen zu öffnen, was möglich ist.“

Begegnung von Kulturschaffenden

Arbeiten über Grenzen hinweg

k-k: Julie’s Bicycle ist zunehmend in internationalen Netzwerken aktiv. Was habt ihr aus der Arbeit in unterschiedlichen kulturellen und nationalen Kontexten gelernt?

AT: „Das Wichtigste in der internationalen Arbeit ist Demut und eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe. Es gibt keine Einheitslösung, weil alle in sehr unterschiedlichen kulturellen und politischen Kontexten arbeiten. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam zu lernen und herauszufinden, was in welchem Kontext sinnvoll ist. Besonders viel haben wir von Stimmen der globalen Mehrheit, von indigenem Denken und anderen Weltbildern gelernt – etwa in Südamerika. Erfolgreiche Netzwerke basieren letztlich auf der Qualität von Beziehungen, auf gemeinsamen Werten und auf kulturell angemessenem Handeln.“

Die doppelte Seite der Politik: warum öffentliche Rahmenwerke unverzichtbar sind — und wo sie scheitern

k-k: Welche Rolle spielen politische Rahmenbedingungen und Förderauflagen bei der ökologischen Transformation im Kulturbereich? Wo siehst du dabei auch Risiken?

AT: „Politik kann hilfreich oder schädlich sein. Wir erleben derzeit, wie politische Rahmenwerke ausgehöhlt oder missbraucht werden und wie Begriffe wie ‚Net Zero‘ durch Schlupflöcher zu Greenwashing verkommen. Politik ist oft unambitioniert und reformbedürftig. Aber ohne sie würden Recht und Rechenschaftspflicht untergraben werden. Viele Fortschritte werden aktuell über rechtliche Instrumente erreicht. Aus diesem Grund bleibt öffentliche Politik trotz aller Schwächen unverzichtbar.“

Ausblick: Bewegungen stärken, Ethik leben, Solidarität organisieren

k-k: Wenn du in die Zukunft blickst: Was sind für Julie’s Bicycle die dringendsten Arbeitsfelder in den kommenden Jahren – und wo siehst du Potenzial für stärkere internationale Zusammenarbeit?

AT: „Die dringendste Aufgabe ist es, die wachsende kulturelle Bewegung zu stärken. Dazu gehört die Arbeit nicht nur an physischer-, sondern an kultureller Anpassung sowie die Verankerung von Klima- und Umweltgerechtigkeit als ethischen Rahmen. Eine der größten Herausforderungen ist, uns gegen rechte Strömungen zu organisieren. Die zentrale Frage lautet: Wie kommen wir respektvoll zusammen, getragen von Fürsorge, Solidarität und Gerechtigkeit, um realistische Alternativen zu entwickeln? Wir müssen gemeinsam einen Weg nach vorne finden.

Kurzvita

Alison Tickell

Alison Tickell ist Klima- und Kulturaktivistin sowie Gründerin von Julie’s Bicycle, einer internationalen gemeinnützigen Organisation, die kulturbasierte Lösungen für die Klima- und Naturkrise mit einem Schwerpunkt auf Gerechtigkeit vorantreibt.

Sie ist ausgebildete Musikerin und Community-Arts-Praktikerin. Geprägt wurde sie von dem Jazzpädagogen John Stevens, dessen Verständnis von Musik als Form gemeinschaftlichen Aktivismus die Grundwerte von Julie’s Bicycle entscheidend beeinflusst hat. Dazu gehören Aufmerksamkeit, Gegenseitigkeit, Respekt, Kreativität und Gemeinschaftssinn.

Alison arbeitet mit politischen Entscheidungsträger:innen, Unternehmen, Künstler:innen und Kulturverantwortlichen zusammen, um eine regenerative Kultur zu stärken, den Klimaschutz voranzubringen und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Sie ist Ashoka Fellow, engagiert sich ehrenamtlich bei Global Artivism und setzt sich dafür ein, Kultur als festen Bestandteil in der Klimapolitik zu verankern.